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Die Digitalisierung ist im Hundealltag angekommen

Die Digitalisierung hat längst auch den Hundealltag erreicht: Identität, Meldungen, Gesundheitsdokumente, Beratung, Tracking und Services wandern in Apps. In der Schweiz bekommt dieser Trend absehbar einen offiziellen Schub – mit einer konkreten Frist, die viele Halter erst spät auf dem Radar haben.

Aus eigener Erfahrung mit meinem Dackel weiß ich: Es sind oft nicht die „großen“ Notfälle, sondern die kleinen organisatorischen Momente, in denen digitale Lösungen plötzlich Gold wert sind – wenn der Hundesitter schnell den Impfstatus braucht, wenn man unterwegs ein Dokument nicht findet oder wenn nach dem Tierarztbesuch Befunde in irgendeinem Papierstapel verschwinden. Gleichzeitig habe ich als Journalist in den letzten Jahren gelernt: Wo Daten entstehen, entstehen auch Risiken – und wo Technik verspricht, alles einfacher zu machen, wird es für manche erst mal komplizierter.

Was sich in der Schweiz konkret ändert: die ePetCard wird digital (ab 2026)

Der wichtigste Fixpunkt: Ab Januar 2026 wird die physische PetCard in der Schweiz durch die digitale ePetCard ersetzt, abrufbar über die App animundo. Plastikkarten gelten in der Regel nur bis Ende 2025. Das geht aus Informationen verschiedener Gemeinden/Behörden hervor (u. a. Altstätten, Kirchlindach).

Das ist mehr als ein „App-Update“: Damit wird die Hunde-Identität de facto Teil eines digitalen Ökosystems. Für Halter bedeutet das: Identifikation und Verwaltung werden weniger papierbasiert – aber stärker vom Smartphone abhängig.

Was animundo (und ähnliche Plattformen) im Alltag bündeln

Laut kommunalen Infos und Anbieterangaben umfasst animundo typischerweise:

  • Import/Verknüpfung mit Amicus (Schweizer Hundedatenbank)
  • Pflichtmeldungen (z. B. Halterwechsel, entlaufen, Tod) direkt in der App
  • Teilen von Tierinfos mit Dritten (Sitter, Trainer, teils Betreuung)
  • teils Videosprechstunden/Servicebuchungen
  • optionaler GPS-Tracker inkl. Bewegungsdaten
  • QR-Tag fürs Halsband (Finder können Kontakt auslösen)

Das ist praktisch – aber es verschiebt Verantwortung: Der Halter wird zum „Datenmanager“ seines Hundes.

Warum das gerade jetzt passiert: Mehr Hunde, mehr Verwaltung, mehr digitale Erwartung

Die Schweiz hat in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs registrierter Hunde gesehen: von rund 517’000 (Anfang 2020) auf rund 550’000 (Anfang 2023) – ein Effekt, der u. a. mit der Corona-Zeit in Verbindung gebracht wird (Quelle: Tierwelt mit Amicus-Bezug). Mehr Hunde heißt auch: mehr Meldungen, mehr Halterwechsel, mehr Interaktionen mit Behörden und Dienstleistern. Digitalisierung ist in diesem Sinne nicht nur Lifestyle, sondern Skalierung.

Parallel wächst global der Markt rund um Trainings-Apps: ~0,3 Mrd. USD (2023) mit Prognose ~0,8 Mrd. USD bis 2032 (CAGR ~13,5%; Zusammenfassung via hund.ai/BusinessResearchInsights). Auch wenn das keine Schweiz-Zahl ist, zeigt es den Trend: Hundehaltung wird zunehmend „plattformisiert“.

Die echten Chancen: Weniger Papier, bessere Verfügbarkeit, schnelleres Wiederfinden

1) Administration: weniger Reibung, weniger Medienbrüche

Wenn Halterwechsel, Fundmeldungen oder Statusänderungen in einer App möglich sind, sinkt die Hürde, Dinge zeitnah zu erledigen. Das reduziert Fehler durch vergessene Formulare oder unklare Zuständigkeiten.

2) Gesundheit: die digitale Mappe, die wirklich dabei ist

Neben Plattformen entsteht in der Schweiz auch eine digitale Gesundheitsakte fürs Tier: Das PHBooklet (2024 lanciert) erlaubt das Speichern und Teilen von Impfungen, Röntgenbildern und Dokumenten; das Hosting erfolgt in der Schweiz (Quelle: Marchanzeiger). Der Vorteil ist simpel, aber entscheidend: Medizinische Entscheidungen hängen oft an Vorinformationen (Impfstatus, Vorbefunde, Medikation). Wer schon einmal in einer Notfallsituation nach Papieren gesucht hat, versteht den Wert sofort.

3) Sicherheit: schneller Kontakt, wenn der Hund weg ist

Aus eigener Erfahrung mit meinem Dackel weiß ich, wie schnell eine Situation kippen kann: Ein kurzer Schreckmoment, ein offenes Gartentor, ein unerwarteter Knall – und der Hund handelt schneller als jeder Rückruf. In solchen Momenten zählt nicht Theorie, sondern Zeit.

  • QR-Tag: kann den Erstkontakt beschleunigen, wenn Finder kooperativ sind und ein Handy haben.
  • GPS-Tracker: kann helfen, wenn der Hund in Bewegung ist oder nicht aktiv gefunden wird.

Aber: Beides funktioniert nur, wenn Daten aktuell sind und der Prozess klar ist (wer wird informiert, wer hat Zugriff, welche Nummer stimmt?).

Die Risiken: Datenschutz, Daten-Illusionen und die neue „App-Pflicht“

Datenschutz & IT-Sicherheit: Wenn Hundedaten plötzlich Halterdaten werden

Untersuchungen zeigen, dass viele Pet-Tracker/Apps umfangreiche Daten erfassen können – auch indirekt über Halter (Standortmuster, Routinen, Anwesenheit) und damit Missbrauchsrisiken erhöhen. Die Tagesschau (mit Bezug auf wissenschaftliche Einordnungen u. a. der Universität Bristol) hat dieses Spannungsfeld aufgegriffen: Pet-Tech ist nicht nur „Tierkram“, sondern potenziell ein Privacy-Thema.

Wichtig zu verstehen: Standortdaten sind nicht einfach „nur Koordinaten“. Wenn eine App zeigt, wann und wo sich Hund und Halter regelmäßig bewegen, lässt sich daraus ableiten, wann jemand zu Hause ist – oder eben nicht.

Fehlinterpretation von Tracking- und Vitaldaten: viel Signal, wenig Kontext

Tierärztliche Stimmen weisen darauf hin: Tracker können medizinisch sinnvoll sein – aber viele Halter sind von Daten überfordert. Sinnvoller als eine Rohdatenflut wären tierärztlich eingeordnete Alerts bei echten Auffälligkeiten (Quelle: Tagesschau).

Warum ist das so? Weil Hunde physiologisch keine Maschinen sind:

  • Aktivität schwankt je nach Wetter, Boden, Erregung, Sozialkontakt.
  • „Mehr Bewegung“ ist nicht automatisch besser: Überlastung zeigt sich bei manchen Hunden erst zeitverzögert (Muskeln/Sehnen, Pfoten, Rücken).
  • Sensoren messen oft nur Surrogate (Bewegung, Lagewechsel), nicht Schmerz, Stress oder Motivation.

Aus eigener Erfahrung: Mein Dackel kann an einem Tag „zu wenig Schritte“ haben, weil er mental ausgelastet ist (Nasenarbeit, Suchspiele) – und an einem anderen Tag viele Schritte sammeln, aber trotzdem schlecht drauf sein. Die Zahl allein erzählt die Geschichte nicht.

Digitale Spaltung: Was, wenn das Handy leer ist?

Mit der digitalen ePetCard entsteht faktisch eine Abhängigkeit: Akku, Login, Gerätewechsel, Offline-Situationen. Das trifft nicht alle gleich. Technikferne Halter oder ältere Menschen brauchen klare Support-Strukturen – sonst wird aus „Vereinfachung“ eine neue Hürde.

Der Realitäts-Check: Drei Mythen, die ich ständig höre

Mythos 1: „Wenn ich GPS habe, ist mein Hund sicher.“
GPS erhöht Chancen – aber es ist kein Sicherheitsgurt. Akku, Funkloch, Abschattung (Wald/Schlucht) und die Zeit bis zur Ortung bleiben Faktoren. Zusätzlich ist „Sicherheit“ auch Verhalten: Leine, Training, Management, Umfeld.

Mythos 2: „Apps ersetzen Trainer oder Tierarzt.“
Trainings-Apps können Übungen strukturieren, aber bei Problemverhalten sind sie höchstens Ergänzung. Verhaltensbiologische Einordnungen betonen genau das: Individualität und Kontext lassen sich nicht vollständig standardisieren (vgl. zitiert via hund.ai/WAZ).

Mythos 3: „Telemedizin wird jetzt sowieso Standard.“
Noch sind wir nicht dort: Laut einer Studienzusammenfassung nutzten nur 12% der Hundehalter bisher Veterinär-Telemedizin; etwa 25% der bisherigen Nichtnutzer könnten es sich künftig vorstellen (Quelle: rundum.dog, Verweis auf Studie 2023). Viele haben Sorge vor Fehldiagnosen ohne körperliche Untersuchung – eine Sorge, die man ernst nehmen muss.

„🐕 Profi-Tipp: Daten-Minimierung“ + Notfall-Zugriff testen
Die meisten Halter optimieren Apps nach Komfort. Ich empfehle, sie nach Resilienz und Datenhygiene einzurichten:

  1. Nur das freigeben, was im Ernstfall hilft
    Standort „immer“ ist bequem, aber datenschutzseitig maximal. Wenn möglich: Standort nur bei Nutzung, nur für Tracker-Funktion, getrennte Rechte für Plattform/Tracker.
  2. Notfallkontakt und Finder-Prozess als Trockenübung
    • QR-Tag scannen lassen (von einer Freundin, Nachbar, Kollegin).
    • Prüfen: Welche Daten sieht der Finder wirklich? Welche Nummer wird gewählt? Kommt die Nachricht an?
    • Einmal im Jahr wiederholen (Nummern ändern sich häufiger als man denkt).
  3. Offline-Backup auf dem Handy
    Ein Screenshot/Offline-PDF der wichtigsten Infos (Chipnummer, Kontakt, Impfstatus-Kern) kann bei leerem Empfang oder App-Problemen den Unterschied machen. Das ist banal – und genau deshalb machen es viele nicht.

Apps in der Forschung: spannend, aber nicht automatisch „wahr“

Ein oft unterschätzter Punkt: Apps können auch Forschung ermöglichen – wenn Daten gut erhoben werden. Das WAU-App-Projekt der Uni Münster hat bis Sommer 2024 Daten von über 450 Hunden und rund 8’400 Beobachtungen zu Verhalten/Emotionen gesammelt. Das zeigt, welches Potenzial Citizen Science hat – aber auch die Grenze: Die Qualität hängt am Menschen, an dessen Beobachtung, Interpretation und Konsequenz (Quelle: Uni Münster News).

Übertragen auf den Alltag heißt das: Eine App kann helfen zu dokumentieren – sie ersetzt nicht das Verständnis.

Persönliches Fazit: pro digital – aber gegen digitale Bequemlichkeitsfallen

Ich halte die digitale ePetCard und Plattformen wie animundo grundsätzlich für einen sinnvollen Schritt. Gerade bei administrativen Abläufen sehe ich mehr Nutzen als Risiko: weniger Papier, weniger Verlust, schnellere Prozesse. Und ja: Bei Gesundheitsdokumenten bin ich ein Fan – weil ich selbst erlebt habe, wie chaotisch Papier werden kann, wenn es darauf ankommt.

Was mir aber Sorgen macht, ist die Bequemlichkeitsfalle: Dass wir uns an Zahlen und Dashboards klammern, statt den Hund zu lesen. Und dass wir Datenschutz als „zu kompliziert“ wegwischen, obwohl Standort- und Routinedaten zu den sensibelsten Informationen gehören.

Wenn die Schweiz ab 2026 auf digital umstellt, sollte das Motto lauten: digital, aber robust. Apps sind Werkzeuge. Gute Hundehaltung bleibt Handwerk – mit Herz, Verstand und einem Plan B, wenn der Akku leer ist.

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