Neulich stand ich mit einer Tüte Trockenfutter in der Küche und habe – wie vermutlich viele von uns – kurz auf die Zutatenliste gestarrt, als wäre dort eine Antwort auf eine viel größere Frage versteckt: Mache ich das Richtige? Nicht nur für meinen Hund, der später erwartungsvoll vor dem Napf sitzt, sondern auch für die Welt, in der er seine Runden dreht. Genau an dieser Stelle taucht seit einiger Zeit eine Zutat auf, die zuerst irritiert und dann erstaunlich logisch wirkt: Insektenprotein.
Insekten im Hundefutter klingen für manche nach Trend. Doch wenn man sich anschaut, wie viele Hunde im DACH-Raum täglich gefüttert werden – in Deutschland sind es über 10 Millionen, in der Schweiz rund 515’000 und in Österreich etwa 836’000 (Statista) – dann wird klar: Schon kleine Veränderungen bei der Proteinquelle können in Summe einen echten Unterschied machen. Und weil Futter in Lebenszyklus-Analysen zur Haustierhaltung immer wieder als größter Hebel für die Umweltbilanz genannt wird (ESU-services), lohnt sich ein genauer Blick – jenseits von Ekelreflex und Marketingversprechen.
Warum ausgerechnet der Napf ein Klimathema ist
Die unbequeme Wahrheit: Ein Hund hinterlässt nicht nur Pfotenabdrücke im Schnee, sondern auch einen Fußabdruck in der Klimabilanz. Eine LCA-Studie schätzt für einen 15-kg-Hund über 13 Jahre etwa 8,2 Tonnen CO₂e (Yavor et al., 2020). Das sind keine Zahlen, die Dir das Füttern vermiesen sollen – eher ein Hinweis darauf, dass sich verantwortungsvolle Hundehaltung heute breiter anfühlt als „gutes Futter rein, gutes Fell raus“.
Spannend ist dabei, dass Analysen für die Schweiz zeigen: Nicht der Tierarztbesuch, nicht das Spielzeug und nicht einmal der Transport sind die großen Treiber, sondern vor allem die Fütterung (ESU-services, Projekt „Pets“). Das leuchtet ein: Protein ist ressourcenintensiv, und klassische Tierproteine hängen an Landnutzung, Futteranbau, Wasser und Emissionen. Genau hier setzt die Idee an, beim Protein nicht weniger „wertvoll“, sondern anders zu denken.
Insektenprotein: echter Hebel – aber nur mit sauberer Einordnung
Insekten werden oft als „nachhaltige Wunderwaffe“ erzählt. Tatsächlich kann ihr ökologischer Vorteil groß sein – kann, nicht muss. Populäre Vergleiche nennen teils drastische Unterschiede (etwa Rindprotein mit sehr hohen CO₂-Werten gegenüber deutlich niedrigeren für Insektenprotein), doch solche Zahlen hängen stark davon ab, womit genau verglichen wird (UmweltDialog). Der Unterschied ist entscheidend: Vergleiche ich Insektenprotein mit Rinderfilet oder mit Schlachtnebenprodukten? Kommt der Strom für die Zuchtanlage aus einem grünen Mix oder aus fossilen Quellen? Und womit werden die Insekten gefüttert – mit Nebenströmen oder mit Futtermitteln, die selbst wertvolle Anbaufläche brauchen?
Auch Hersteller-LCAs klingen oft beeindruckend – Ÿnsect etwa kommuniziert einen vielfach geringeren Klimaeinfluss im Vergleich zu „beef offal“ (Rinder-Schlachtabfälle). Das ist als Signal interessant, bleibt aber eine unternehmensnahe Angabe, die von Methodik und Systemgrenzen lebt. Für Dich als Halter: Nimm solche Faktoren als Einladung, genauer hinzuschauen, statt sie als endgültiges Urteil zu lesen. Gute Marken erklären transparent, welche Rohstoffe sie verwenden, wo produziert wird und wie die Energiefrage gelöst ist.
Doch nicht nur die Ökobilanz entscheidet, ob Insektenprotein im Alltag Sinn ergibt. Am Ende muss es vor allem einem standhalten: dem Napf-Test.
Was Dein Hund davon hat: Nährwerte, Akzeptanz – und manchmal Ruhe im Bauch
Ernährungsphysiologisch ist der wichtigste Punkt schnell erzählt: Hunde brauchen ein passendes Aminosäurenprofil und eine gute Verdaulichkeit. Insektenprotein wird von Herstellern als vollwertige Proteinquelle beschrieben, inklusive essenzieller Aminosäuren (Green Petfood). In der Praxis steckt es meist nicht als „Ganz-Insekt“ im Napf, sondern als verarbeitetes Proteinmehl oder als Bestandteil von Kroketten. Das macht Geruch und Textur für viele Hunde (und Menschen) deutlich „normaler“ – und erklärt, warum die Akzeptanz häufig gut ist (Herstellerangaben).
Besonders interessant wird es, wenn Dein Hund zu Futtermittelunverträglichkeiten neigt. Insekten gelten als „Novel Protein“, also als neuartige Proteinquelle, mit der viele Hunde immunologisch noch wenig „Erfahrung“ haben. Das ist der Grund, warum sie in Ausschlussdiäten und bei sensiblen Hunden zunehmend auftauchen. Einzelne, von Herstellern kommunizierte Untersuchungen berichten über Verbesserungen innerhalb kurzer Zeiträume (z. B. im LMU-Kontext nach 14 Tagen; Green Petfood) – solche Hinweise sind spannend, ersetzen aber keine tierärztliche Diagnose und keine sauber publizierten Studiendaten für harte Gesundheits-Claims. Wenn Du einen Allergikerhund hast, gilt deshalb: Umstellung am besten gemeinsam mit der Tierärztin oder dem Tierarzt planen, konsequent bleiben und parallel nicht „nebenbei“ Leckerli-Proteine wechseln.
So findest Du ein gutes Insektenfutter – ohne auf Marketing hereinzufallen
Vielleicht ist die größte Hürde gar nicht der Hund, sondern unser eigener Kopf. Viele Halter:innen empfinden Insekten erst einmal als unappetitlich – obwohl der Hund es oft pragmatisch nimmt. Hilfreich ist, das Thema vom Gefühl zurück zur Sache zu führen: Was steht wirklich auf dem Etikett, wie klar ist die Deklaration, und wie plausibel sind die Versprechen?
Achte beim Kauf vor allem auf drei Dinge. Erstens: Transparenz zur Proteinquelle (welches Insekt, welcher Anteil, welche weiteren Proteine sind enthalten?). Zweitens: Realistische Aussagen statt Superlative wie „klimaneutral“ oder „hypoallergen“, die rechtlich und wissenschaftlich heikel sein können, wenn sie nicht sauber belegt sind. Drittens: Passung zu Deinem Hund – Alter, Aktivitätslevel, Verträglichkeit, Kotbild und Fell sind ehrlichere Indikatoren als jede Werbezeile.
Und wenn Du Dich fragst, wo man überhaupt anfängt: Im DACH-Raum gibt es inzwischen eine wachsende Angebotslandschaft, von Schweizer Anbietern wie Fenka bis zu deutschen Start-up-Playern wie Tenetrio. Das ist gut, weil Wettbewerb die Preise mittelfristig drücken kann – und weil Transparenz in einem jungen Markt schnell zum entscheidenden Qualitätsmerkmal wird.
Am Ende ist Insektenprotein kein moralischer Test und keine Pflicht. Es ist eine Option für alle, die ihren Hund weiterhin hochwertig füttern wollen und gleichzeitig das Gefühl haben, dass Verantwortung heute nicht am Napfrand endet. Vielleicht ist genau das die angenehmste Erkenntnis: Du musst nicht perfekt sein, um etwas zu bewegen – manchmal reicht es, eine Zutat neu zu denken.
Quellen (Auswahl):
ESU-services, Projekt „Pets“: https://esu-services.ch/projects/pets/
Yavor et al. (2020), Sustainability/MDPI: https://www.mdpi.com/2071-1050/12/8/3394
Statista (CH): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/283734/umfrage/hunde-in-der-schweiz/
Statista (AT): https://de.statista.com/themen/2913/haustiere-in-oesterreich/
UmweltDialog (Einordnung): https://www.umweltdialog.de/de/WIRTSCHAFT/startups/2021/Nachhaltige-Hundefuetterung-Warum-Insekten-die-loesung-sind.php
Ÿnsect (Herstellerangaben): https://www.ynsect.com/2023/05/09/ynsect-launches-spryng-a-sustainable-insect-based-b2b2c-brand-for-the-pet-food-market/
Green Petfood (Hersteller-Ratgeber): https://www.green-petfood.de/beitrage/hunderatgeber/hunderatgeber-ernaehrung/insektenfutter
Fenka: https://fenka.ch/
Tenetrio/Fair-News (Markt-Kontext): https://www.fair-news.de/2871856/nachhaltige-hundefuetterung-warum-insekten-die-loesung-sind







